Erstes Abitur vor 50 Jahren

Vor 50 Jahren: Die ersten Abiturienten der Uplandschule beim Umzug durchs Dorf. (Foto: pr)

Jubiläumsfeier am 19. und 20. Juni  – Erinnerungen an Spickzettel, Gartenarbeit und Besuch der Glastanzdiele

Willingen (bk). Sie genießt seit einigen Jahren schon den wohlverdienten Ruhestand. Ortrud Thiel kann es also jetzt getrost zugeben: Die pensionierte Lehrerin hat als Schülerin gelegentlich gespickt!

Bei besonders schweren Arbeiten trug sie vorzugsweise Perlonstrümpfe. Dann brauchte sie den Rock nur ein wenig nach oben zu ziehen – und schon hatte sie freien Blick auf den Spickzettel. Ortrud Thiel, geborene Bangert, und ihr damaliger Klassenkamerad Dr. Dieter Hesse bereiten derzeit ein besonderes Jubiläum vor: Sie haben 1959 die Reifeprüfung bestanden und gehören damit zum ersten Jahrgang, der an der Willinger Uplandschule sein Abitur ablegte.

Die „Höhere Privatschule Willingen“ wurde zwar bereits 1946 mit elf Schülern und einem Lehrer gegründet, führte jedoch damals noch nicht bis zur allgemeinen Hochschulreife.  Der Ausbau zur „Vollanstalt als mathematisch-naturwissenschaftliches  Gymnasium“ erfolgte erst in den Jahren 1957 bis 1959.

Die Schülerinnen und Schüler des jetzigen Jubiläumsjahrgangs mussten seinerzeit eine Aufnahmeprüfung absolvieren, ehe sie von der Volksschule aufs Gymnasium wechseln durften. Im Tanzsaal der alten Gemeindehalle wurden sie getestet und den ersten gymnasialen Unterricht bekamen sie ebenfalls im „Zelt“. Da sich das Gebäude nicht vernünftig heizen ließ, zogen die Kinder im Winter in die Fabrik von F. Anton Kesper um, wo ein Sägemehlofen für mollige Wärme sorgte.

Als „absolut positives Erlebnis“ haben Ortrud Thiel und Dr. Dieter Hesse den Wechsel in die frühere Villa Heller in Erinnerung: „Getäfelte Wände, ein geschnitztes Treppengeländer, die Freitreppe“ – das imponierte den Jungen und Mädchen. Direktor Adolf Welteke wohnte mit seiner Familie im Haus, in dem das Willinger Gymnasium bis zur Fertigstellung des Neubaus im Jahr 1983 untergebracht war und das heute als Brauhaus eine touristische Attraktion darstellt.

Auf dem Stundenplan der Uplandschule standen in damaliger Zeit übrigens auch einige Fächer, in denen die Gymnasiasten heute nicht mehr unterrichtet werden. Kunsterzieher Trautmann vermittelte den Jugendlichen Grundkenntnisse in  der Gartenarbeit, Helga Fieseler brachte den Mädchen das Kochen bei und bei Amalie Hirth wurde gehäkelt, genäht und gestrickt. Unvergessen ist die Klassenfahrt nach Buxtehude, bei der die Schüler überwiegend von „Care-Paketen“ lebten, die ihnen Pfarrer Martin Huelsekopf mitgab – einen Eimer mit Käse und mehrere Kästen mit Kommissbrot. Die Jugendlichen marschierten in Kolonnen übers Marschland und sangen dabei Marschlieder. Und staunend beobachteten sie Klassenlehrer Müller, einen sparsamen Mann, der keinen Nassrasierer benutzte, sondern sich nur mit der Klinge rasierte.

Eine „Besinnungsfreizeit“ führte ins Schullandheim nach Neustadt. Statt sich zu besinnen, büxte der „harte Kern“ nach Treysa in die Glastanzdiele aus und kehrte erst morgens um fünf mit dem ersten Zug zurück. Mit dem Lehrer einer benachbarten Klasse, dem es im Schullandheim ebenfalls zu langweilig war und der  zur gleichen Zeit zurückkam, vereinbarten die Upländer Stillschweigen. Unvergessen sind auch die heimlichen Skatrunden in der Waschküche der Villa Heller und die Leiterwagenfahrt durchs Dorf nach dem Abi.

Von den 17 Abiturienten sind drei verstorben und zwei „verschollen“. Zur Feier am 19. und 20. Juni werden elf Ehemalige erwartet.

(WLZ vom 26. Mai 2009)

 

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